Osterlied – Ein Gedicht von Adolf Böttger (1815 – 1870)

Osterlied.

Die Glöcklein läuten das Ostern ein
In allen Enden und Landen,
Und fromme Herzen jubeln darein:
Der Lenz ist wieder erstanden!

Es atmet der Wald, die Erde treibt
Und kleidet sich lachend mit Moose,
Und aus den schönen Augen reibt
Den Schlaf sich erwachend die Rose.

Das schaffende Licht, es flammt und kreist
Und sprengt die fesselnde Hülle;
Und über den Wassern schwebt der Geist
Unendlicher Liebesfülle.

Quelle: Dichtergrüße neuerer deutsche Lyrik, ausgewählt von Elise Polko, Fünfte Auflage, C. F. Amelang’s Verlag (Leipzig), 1869, Seite 128

Winternacht (Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff)

So, jetzt schreibt es auch Spiegel-Online: Der Winter hat dieses Jahr einen Bogen um uns gemacht. Aber noch habe ich Hoffnung, wenigstens einmal draußen sowas wie eine geschlossene Schneedecke vorzufinden. Deshalb gibt es jetzt von mir noch ein Gedicht:

Winternacht von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857)

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab‘ nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst seien Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Quelle: Deutsche Gedichte für die Mittel- und Oberstufe höherer Mädchenschulen, ausgewählt von J. Kippenberg, Achte Auflage, 1904, Norddeutsche Verlagsanstalt O. Goedel, Seite: 90

Winter (Gedicht von Arno Holz)

Eine gezeichnete Winterlandschaft von Ernst Liebermann So, eine Chance gebe ich ihm noch. Wir hatten hier bislang nur einen Tag, der halbwegs winterlich zu nennen wäre. Das kann es doch wohl nicht gewesen sein?

Winter von Arno Holz:

Winter

Du lieber Frühling! Wohin bist du gegangen?
Noch schlägt mein Herz, was deine Vögel sangen.
Die ganze Welt war wie ein Blumenstrauß.
Längst ist das aus!
Die ganze Welt ist jetzt, o weh,
Barfüßle im Schnee.
Die schwarzen Bäume stehn und frieren.
Im Osten die Bratäpfel musizieren,
das Dach hängt voll Eis.
Und doch: bald kehrst du wieder, ich weiß, ich weiß!
Bald kehrst du wieder,
o nur ein Weilchen,
und blaue Lieder
duften die Veilchen.

Quelle: Der Frühlingsgarten, Ältere und neuere Gedichte, gesammelt von Albert Sergel, Auflage 7. bis 13. Tausend, Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung (Reutlingen), Seite: 93

Der späte Winter (Gedicht)

Vielleicht liest der Winter ja diesen Eintrag und versteht den Wink mit dem Zaunpfahl. 🙂

Der späte Winter von Magdalene Philippine Engelhard (1756 – 1831)

Der späte Winter
(Den 28. März 1782)

Seht nur den Meister Winter an,
Wie patzig er sich machen kann
Mit seinem Altgesellen,
Mit Monsieur Nord, der uns zerzaust,
Und Ziegel von den Dächern saust,
Daß uns die Ohren gellen.

Schon wuchs das Veilchen innerlich
Und Keim und Knospen dehnten sich –
Wo sind nun ihre Spuren?
Bringt nicht der Narr noch über’s Meer
Den Schnee aus kalten Zonen her,
Und decket Berg und Fluren!

Du schadenfroher wilder Nord!
Mach‘ dich in deine Heimath fort,
Wo nie die Früchte färben.
Das Wetterglas wirfst du herab:
Und (was mir kaum mein Liebchen gab)
Gar den Levkojen-Scherben.

Des grünen Donnerstages Brauch,
Den grünen Kohl stiehlst du uns auch,
Wie mag es Manche grämen!
Unordentlicher Winter, geh!
Zu rechter Zeit gab’s keinen Schnee,
Nun will’s kein Ende nehmen.

Wart‘ nur, Frau Sonne steht schon hoch,
Wird dich – de über Zeit verzog –
Aus Sommers Grenzen jagen.
Dann schießen Blum‘ und Gras empor,
Aus Blüthen-Bäumen wird ein Chor
Von Nachtigallen schlagen.

Quelle:Deutschlands Dichterinnen, Vierte vermehrte Auflage, Verlag von Hermann Hollstein (Berlin), 1862, Seite: 14